Es handelt sich bei dem zu besprechenden Buch um die Habilitationsarbeit von Roswitha Reinbothe. Und weil solche Spezialarbeiten nur in kleinen Auflagen gedruckt werden, sind sie (zumindest für Studenten) sehr teuer.

Gleichwohl ist das Thema derart spannend und weitgehend unbekannt, so daß man sich eine weitere Verbreitung wünschen würde.

Warum ist das Thema spannend? Man könnte ja annehmen, daß die Anglifizierung der deutschen Sprache nur ein Ergebnis eines wie auch immer gearteten Opportunismus gegenüber den USA neuerer Zeit ist. Dem ist aber keineswegs so, wie Reinbothe in mühevoller Archivarbeit über Jahre hinweg herausgearbeitet hat. „Die Geschichte des Deutschen als internationale Wissenschaftssprache ist mit der internationalen Sprachen- und Wissenschaftspolitik und deren Institutionalisierung in internationalen Wissenschaftsorganisationen eng verknüpft. Diese Geschichte ist bislang nicht erforscht, ebensowenig die Geschichte anderer internationaler Wissenschaftssprachen.“ (16) Wie gesagt, es handelt sich um eine Untersuchung der Sprachen und der Sprachenpolitik im internationalen Wissenschaftsbetrieb; solche über Wissenschaftspolitik allgemein gab es bereits einige.

Roswitha Reinbothe: Deutsch als internationale Wissenschaftssprache und der Boykott nach dem Ersten Weltkrieg, Peter Lang Verlag, Frankfurt/Main 2006 (Duisburger Arbeiten zur Sprach- und Kulturwissenschaft Bd. 67, 489 S., broschiert, € 85,00)

Es fängt an damit, daß es nach dem Ersten Weltkrieg einen massiven Boykott der deutschen Sprache in praktisch allen Wissenschaften gab, einschließlich der Medizin. „Der Boykott gegen Deutsch als internationale Wissenschaftssprache stellt einen Kulminationspunkt in dem Konkurrenzkampf der deutschen mit der französischen und englischen Sprache und zugleich einen Wendepunkt in der Entwicklung des Deutschen als internationale Wissenschaftssprache dar.“ (16) Begründet wurde der Boykott mit dem Verhalten der deutschen Gelehrten und Wissenschaftler im Krieg. Fast alle deutschen Wissenschaftler hatten den von Deutschland und Österreich-Ungarn begonnenen Krieg unterstützt, Kriegsverbrechen geleugnet und den deutschen Militarismus unterstützt. Als Beleg diente den Alliierten der – heute kaum noch bekannte – Aufruf der 93 renommierten deutschen Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler „An die Kulturwelt“ von 1914. In diesem Aufruf wurde alles geleugnet und als heuchlerisch bezeichnet, was dem deutschen Militarismus schon im ersten Jahr des Ersten Weltkriegs in der Tat objektiv angelastet werden konnte, darunter die Kriegsverbrechen in Belgien. Es ist erschütternd, die Namen zu lesen, die unter diesem Aufruf standen: Adolf von Bayer, Emil von Behring, Paul Ehrlich, Emil Fischer, Adolf von Harnack, Rudolf Eucken, Gerhart Hauptmann, Felix Klein, Max Liebermann, Walter Nernst, Max Planck, Max Reinhardt, Wilhelm Röntgen und viele andere.

Der Zeitrahmen, den die Autorin sich vorgenommen hat, spannt sich vom 19. Jahrhundert bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Vor dem Ersten Weltkrieg (WK I) spielten die deutschen Wissenschaftler vieler Einzeldisziplinen und mit ihnen daher auch die deutsche Sprache eine führende Rolle; das waren Disziplinen wie Astronomie, Geodäsie, Geophysik, Geographie, Physik, Chemie, Mathematik, Biologie und Medizin. Die meisten dieser Wissenschaften waren insbesondere für die Industrie und die Kriegstechnik wichtig. So lagen damals z.B. „die Zentralbüros der internationalen Erdmessung, der internationalen Seismologischen Assoziation und der internationalen Vereinigung gegen die Tuberkulose […] in deutscher Hand“, ebenso „die Astronomische Gesellschaft … und die Zentralstelle für astronomische Telegramme“. (12) Die deutschsprachige Wissenschaftsliteratur war vor dem WK I weltweit hoch angesehen und verbreitet; Deutschland hatte ein weltweites Monopol der naturwissenschaftlichen Referenzorgane. (13)

„Die alliierten Wissenschaftler wollten nach dem militärischen Sieg über Deutschland auch diese deutschen Wissenschaftsbastionen erobern“, so Reinbothe (13). Sie verhängten einen Wissenschafts- und Sprachboykott, gründeten neue Organisationen, zogen die Zentralbüros aus Deutschland ab und gründeten englisch- und französischsprachige Fachzeitschriften.

Um die Vorgeschichte zu entwickeln, geht Reinbothe im ersten Teil ihres Buches zunächst auf die Macht- und Sprachenverhältnisse vor dem WK I ein; exemplarisch werden einige internationale Vereinigungen, Kongresse und Publikationen untersucht, die nach dem WK I vom Boykott betroffen waren. Im Anschluß daran werden das Verhalten von Wissenschaftlern verschiedener Länder im Krieg und die berechtigte Furcht vor den deutschen Hegemonieansprüchen in den Wissenschaften, sowie weiterhin die Verfügungen des preußischen Kriegsministeriums, dem Ausland deutsche Fachliteratur vorzuenthalten, minutiös geschildert. „Diese Vorgänge werfen ein Licht auf den Chauvinismus, die Ängste und Sanktionen im Vorfeld des Boykotts“, urteilt Reinbothe. (13)

In den nächsten Kapiteln werden die Methoden, Instrumente und Argumente dargelegt, mit denen die alliierten Wissenschaftler den Sprach- und Wissenschaftsboykott gegen Deutschland und Österreich durchsetzten. Betrieben wurde der Boykott von neu geschaffenen, internationalen Vereinigungen, auf Kongressen und in Fachpublikationen. Außerdem werden auch die Gegenreaktionen der deutschen Wissenschaftler auf den Boykott behandelt, die nicht selten auch den Charakter eines Gegenboykotts trugen. Dabei erwiesen sich die meisten deutschen Wissenschaftler aus den genannten Bereichen bis in die 1930er Jahre als vollkommen uneinsichtig und revidierten ihre Einstellung gegenüber dem WK I keineswegs. Wenn auch der Boykott, der eigentlich bis 1931 geplant war, dann doch 1926 beendet wurde, so zeigt die historische Erfahrung, daß mit außerordentlich schwerwiegenden Spätwirkungen gerechnet werden mußte, was sich – nochmals extrem verschärft durch den Zweiten Weltkrieg – dann auch zeigte und die heutige Situation, in der kaum noch naturwissenschaftliche Zeitschriften in deutscher Sprache publizieren, besser verstehen läßt. Die Sprache eines Landes, das zweimal einen Weltkrieg angezettelt hat, wird im angelsächsischen Sprachgebiet eben nicht mehr gelesen, wovon die Naturwissenschaften wohl am meisten betroffen sind. Da die Untersuchung von Reinbothe jedoch mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs endet, erfahren wir darüber keine Einzelheiten. (Die Autorin plant, die Fortsetzung der Entwicklung zu bearbeiten).

Die Beispiele von Reinbothe machen deutlich, in welchem Ausmaß der Erste Weltkrieg und der ihm folgende alliierte Boykott gegen deutsche Wissenschaft und Sprache die Wertschätzung und Verbreitung der deutschen Sprache untergruben. (423) Es gelang den Boykottorganisatoren, eine historische Wende herbeizuführen. Die deutsche Sprache verlor in Wissenschaftsvereinigungen, an Schulen und Hochschulen und in Publikationen ihren internationalen Rang, den sie vor dem Krieg innehatte. Dagegen etablierten sich Englisch und Französisch, bis dann nach dem Zweiten Weltkrieg Englisch allein zur „lingua franca“ in der internationalen Zusammenarbeit aufstieg. (423)

Interessante Nebenaspekte, ebenfalls resultierend aus dem Boykott, sind die Folgen für Deutsch als Fremdsprache im Ausland. In den USA z.B. war der Deutschunterricht in den High Schools abgestürzt und sollte sich von diesem Rückschlag nicht wieder erholen. Im Jahr 1922 betrug der Anteil der Schüler, die an den offiziellen High Schools Deutsch lernten, 0.65 % gegenüber 24.4 % im Jahr 1915 (422).

Auch in den skandinavischen Ländern, ehemals Hochburgen des Deutschen als Fremdsprache, wurde der Deutschunterricht zugunsten von Französisch und Englisch zurückgestuft. (Anmerkung am Rande: Heutzutage wird von Schülern in Schweden, bedingt allerdings durch die mißlungene Rechtschreibreform, zunehmend sogar lieber Latein als Deutsch gewählt). 1924 gab eine Sachverständigenkommission in Schweden den Rat, den Deutschunterricht in der Prima des Gymnasiums zu streichen. Dies konnte zwar noch verhindert werden, aber nach dem Schulgesetz von 1933 verlor die deutsche Sprache ihre privilegierte Stellung und es wurde ihr nicht mehr der gleiche Rang wie Französisch und Englisch zuerkannt (422).

Hinsichtlich der Mathematik geschah nach dem Ersten Weltkrieg folgendes: 1928 wurde Bologna als Tagungsort des Internationalen Kongresses der Mathematiker gewählt und es wurden zum ersten Mal nach dem Krieg wieder deutsche Wissenschaftler eingeladen. Auch wurde die deutsche Sprache erstmals wieder für Vorträge und Manuskripte zugelassen und der erste wissenschaftliche Hauptvortrag wurde von dem berühmten Göttinger Mathematiker David Hilbert gehalten. Das Ganze lief jedoch nicht ohne Proteste ab: Franzosen protestierten gegen diese Öffnung und einige namhafte deutsche Mathematiker weigerten sich, nach Bologna zu fahren. Sie wollten „Druck ausüben“, da der Kongreß als Kongreß der Internationalen Mathematik-Union kompromittiert sei. Hilbert sprach dagegen von einer Denunziation des Kongresses und hielt es für eine schädliche Politik. (278f.) Als nächster Kongreßort wurde dann Zürich gewählt, was wieder ein Entgegenkommen gegenüber Deutschland bedeutete. Die deutsche Sprache war dort dann auch „überrepräsentiert“. Schlußfolgerung: „In der Mathematik hatte die deutsche Sprache ihre frühere Stellung wiedergewonnen.“ (284)

Ganz verheerende Folgen des Boykotts traten in der Medizin auf, ist doch der Fortschritt in der Medizin – wegen des engen Zusammenhangs mit der Praxis – auf internationale Zusammenarbeit und den Austausch von praktischen Erfahrungen, insbesondere z.B. in der Chirurgie, angewiesen. Da jedoch ein „geschlossener und umfassend organisierter Gegenboykott“ in Deutschland und Österreich sich nicht durchsetzen konnte (329), weil die ausländischen Wissenschaftler nicht mitmachten, gab es nur vereinzelte Aktionen von Wissenschaftlern. Außerdem erschwerten diese Gegenboykottmaßnahmen dann wiederum eine Annäherung, indem deutsche Gelehrte es ablehnten, Artikel in ausländischen Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Artikel von ausländischen Kollegen wurden nicht in deutschen Fachzeitschriften veröffentlicht, es sei denn, sie unterschrieben eine Erklärung, „in der sie den gegen die deutsche Wissenschaft verhängten Boykott bedauerten und sich verpflichteten, in ihrem Land dagegen aufzutreten.“ (330) Dazu ist der unmittelbar folgende Abschnitt erhellend: „Der Berliner Pathologe Otto Lubarsch, Herausgeber von Virchows Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medizin sowie der Ergebnisse der allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie des Menschen und der Tiere, der solche Erklärungen verlangte, lehnte es im Jahre 1920 rigoros ab, einen Bericht des Leiters des Laboratoriums am pathologischen Institut der Universität Straßburg über das französische Schrifttum der allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie, das seit 1914 erschienen und in Deutschland während des Krieges nicht zugänglich gewesen war, in die Ergebnisse aufzunehmen. Lubarsch ließ dem französischen Pathologen, der darauf hingewiesen hatte, daß der Kriegszustand zwischen Deutschland und Frankreich nunmehr beendet sei, durch seine Sekretärin antworten: ‚daß die Voraussetzungen seines Angebotes nicht zuträfen, da zur Zeit ein, wenn auch leider nur einseitiger Kriegszustand zwischen Deutschland und Frankreich noch herrsche.‘“ (330f.)

Auch war es schwierig, an den Fakultäten für Medizin ausländische Mitarbeiter aufzunehmen, z.B. aus Japan. Dabei hielt man sich an eine Richtlinie, die auf der deutschen Hochschulkonferenz 1921 beschlossen worden war. Darin hieß es, „daß serbische Ärzte zur Beschäftigung an Instituten der Universitäten nur dann zuzulassen seien, wenn der Nachweis erbracht werde, daß die Gelehrtengesellschaften Serbiens nicht mehr an dem Boykott gegen die deutschen Wissenschaften festhielten. Der gleiche Nachweis solle auch von Angehörigen anderer ehemaliger Feindstaaten verlangt werden, bevor sie zu Arbeiten an Hochschulinstituten zugelassen würden.“ (331)

An diese Richtlinie hielt sich auch der Direktor des Institutes für Pathologie der Universität Freiburg, Ludwig Aschoff, als der japanische Konsul in Berlin bei ihm anfragte, ob ein japanischer Mediziner an seinem Institut arbeiten könne. Prof. Aschoff stimmte grundsätzlich zu, zumal dieser Mediziner von seinem früheren Schüler in Tokio kam, verlangte aber, daß zuerst die „nötigen Vorbedingungen“ erfüllt sein müßten, wozu eine „offizielle Absage von dem Pariser Beschluß“ gehörte. (331) Der Vertreter der japanischen Akademie hatte diesen Beschluß der alliierten Akademien in Paris mitgefaßt, nach dem Deutschland von allen wissenschaftlichen Kongressen auszuschließen sei, und daher sei es nun klar, so Aschoff, daß es „mit der Ehre der deutschen Professoren unvereinbar […] sei, daß sie Mitglieder von Nationen zu gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeiten zulassen, solange die offiziellen Vertreter der betr. Nation den Verruf über die deutsche Wissenschaft aufrecht erhalten.“ (331) Aschoff habe daher bereits mehrfach nach Japan den Wunsch übermitteln lassen, daß die wichtigsten medizinischen Gesellschaften in Tokio in einer Kundgebung gegen diese Ausschließung protestieren und erklären sollten, daß „sie nach wie vor die deutsche Wissenschaft in gleicher Weise achten und schätzen wie die der übrigen Nationen.“ Solange dies nicht geschehe, sei es ihm, Aschoff, nicht möglich, mit einem japanischen Kollegen zusammenzuarbeiten. (332) Eine solche Bekundung könne der japanische Gesandte auf telegraphischem Wege veranlassen. Die Zeit, bis der japanische Kollege in Freiburg eintreffen sollte, war recht kurz und so beschränkte sich Aschoff in der Folgezeit darauf, eine vorläufige Erklärung zu akzeptieren, ein „offizielles Schreiben“ des japanischen Konsuls im Auftrage des Botschafters, in dem die Überzeugung ausgesprochen werde, daß die japanischen medizinischen Gesellschaften den Pariser Beschluß bedauern würden. Aschoff erhielt schließlich ein solches Schreiben und auch aus Tokio kamen anschließend die ersehnten Nachrichten. Bei der Redaktion der Deutschen Medizinischen Wochenschrift traf ein Telegramm ein, unterzeichnet von den Vorständen der neun medizinischen Gesellschaften für Pathologie, Hygiene, Bakteriologie, Innere Medizin, Gynäkologie, Dermatologie, Ophthalmologie, Otologie, Psychiatrie und Neurologie. Es hieß hierin, in einem einstimmig gefaßten Beschluß sei der „dringende Wunsch“ ausgesprochen, „mit den deutschen und österreichischen Medizinern zur Förderung der Wissenschaft und zur Pflege der Kultur und Zivilisation in freundschaftlichen Verkehr genau wie vor dem Krieg zu treten und dafür zu sorgen, daß der geistige Verkehr zu beiderseitigem Nutzen ein immer lebhafterer und innigerer wird.“ (333)

Vom Protest gegen den Boykott war jedoch nicht mehr die Rede. Ähnliches ereignete sich auch an anderen Universtäten, z.B. der Berliner Universität, gegenüber den US-amerikanischen Medizinern. In der Presse wurden allerdings die nachdrücklichen Wünsche der deutschen Mediziner als „Repressalien“ interpretiert. So stand im Dezember 1922 in der Evening Post Folgendes: „Diese ‚Methode der üblichen Repressalien, einen Boykott aufzuheben, ist nicht geeignet, in nichtdeutschen wissenschaftlichen Kreisen die Aufnahme der guten Beziehungen zu fördern.“ (335) Doch gab es nach Bildung einer Kommission, der der Chirurg August Bier und später noch der Internist und frühere Leiter des Virchow-Krankenhauses in Berlin, Alfred Goldscheider, angehörten, die mit dem amerikanischen Vertreter Carl Beck, Chicago, verhandelten, eine knappe Erklärung durch Beck: „Die Interstate Medical Association of America missbilligt den Ausschluss deutscher und österreichischer Gelehrter aus den internationalen Gelehrtengesellschaften und –versammlungen.“ (335) Weiteres Hin und Her entstand dann dadurch, daß die amerikanischen Kollegen meist nicht Deutsch sprachen und viele deutsche Gelehrte des Englischen nicht mächtig waren. In diese Auseinandersetzung griffen auch Max Planck und der Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biologie, Carl Correns, ein. Was die Medizin betrifft, wird in dem Buch von Reinbothe außerdem über internationale Chirurgen-, Ophthalmologen- und Tuberkulosekongresse ausführlich berichtet.

Einen breiten Raum nimmt die Schilderung der „Verhandlungen“ in den einzelnen Wissenschaftsgesellschaften ein (345-398). Dazu gehörten der zentrale Internationale Forschungsrat für die Naturwissenschaften und die Internationale Akademie-Union für die Geisteswissenschaften sowie die internationalen Unionen für Astronomie, Geodäsie und Geophysik sowie für reine und angewandte Chemie. In einem letzten Kapitel werden schließlich die „Auswirkungen“ zusammengefaßt, die in der Dominanz der französischen und englischen Sprache als Sprachen der Siegermächte bzw. im Rückgang des Deutschen gipfeln. Reinbothe: „Die Ausgrenzung der deutschen Sprache aus den von den alliierten Wissenschaftsorganisatoren aufgebauten Institutionen und Unternehmungen konnte umso reibungsloser betrieben werden, als die deutschen und österreichischen Wissenschaftler lange Zeit ausgeschlossen waren und dieser Ausschluß durch die Obstruktionspolitik der deutschen Akademien der Wissenschaften und des deutschen Hochschulverbands noch verlängert wurde.“ (401) „Begünstigt wurde der Sprachenwechsel durch den Abzug der Zentralbüros und Institute internationaler wissenschaftlicher Vereinigungen aus Deutschland und deren Verlegung in alliierte Länder.“ (403)

Wenn es auch gelang, nach der langen Unterbrechung internationale Kongresse und Tagungen wieder in Deutschland stattfinden zu lassen, wie z.B. den Internationalen Kongress für Sexualforschung im Oktober 1926 in Berlin, so wurden dann alle diese „Erfolge“ und Bemühungen spätestens mit Beginn des Zweiten Weltkriegs, wenn nicht schon eher, vollends zunichte gemacht. Während der Weimarer Republik fanden noch der Internationale Kongress für Photogrammetrie in Berlin statt, die Tagung des Internationalen Historikerkomitees in Göttingen, 1928 in Heidelberg die Tagung der Astronomischen Gesellschaft mit internationaler Beteiligung, in Berlin die Konferenz der Baltischen Geodätischen Kommission und 1930, ebenfalls in Berlin, die zweite Weltkraftkonferenz. „Die Obsession der deutschen Astronomen jedoch, auf der Tagung in Heidelberg ihren ausländischen Gästen, mit denen sie sich zum ersten Mal nach dem Krieg wieder in einer deutschen Stadt trafen, zum Abschluß des Begrüßungsabends das ‚Deutschlandlied‘ vorsingen zu müssen, zeugte allerdings von einem übersteigerten Bedürfnis nach nationaler Selbstdarstellung.“ (431) Unter dem Nationalsozialismus verstärkten sich solche Erscheinungen um ein Vielfaches durch die Inanspruchnahme von Seiten der Auslandspropaganda. Es gelang noch einige Jahre nach 1933, große internationale Tagungen in Deutschland zu organisieren, aber der geplante Kongreß der Internationalen Tuberkulose-Union für 1939 in Berlin fiel natürlich aus.

Besonders im Sinne der nationalsozialistischen Politik, durch „zielstrebige Kongreß-, Posten- und Sprachpolitik“ (433), taten sich viele Historiker hervor. Karl Brandi, der spätere Leiter der deutschen Delegation beim 7. Internationalen Historikerkongreß 1933 in Warschau, bemerkte in einer Denkschrift: „Daß die internationale Arbeit an sich eine verhältnismäßig geringe wissenschaftliche Bedeutung hat, ist richtig. Sehr viel größer ist ihre nationale Bedeutung. Sie liegt in erster Linie in ihrer Geltendmachung der starken Stellung, die die deutsche Wissenschaft im Ausland besitzt. Es handelt sich also um eine Art nationaler Repräsentation. Dem entspricht die führende Beteiligung der reichsdeutschen und österreichischen Wissenschaft an den einzelnen Unternehmungen der internationalen Organisation.“ (433) Eigentlich wäre es Aufgabe der deutschen Historiker gewesen, so schreibt Reinbothe, die Ursachen und den Verlauf des Ersten Weltkrieges gemeinsam mit ihren Kollegen aus dem Ausland gründlich zu erforschen und auf Kongressen zu diskutieren (434). Auf die Frage eines österreichischen Historikers 1931 in der Sitzung des Allgemeinen Deutschen Historiker-Ausschusses, ob in Warschau die Kriegsschuldfrage angesprochen werden könnte, wurde dies verneint. Den deutschen Historikern kam es darauf an, sich gut vorzubereiten und derartigen Fragen durch eine sorgfältige Auswahl der Delegierten und Vortragenden aus dem Weg zu gehen. Sie sollten, wie Brandi als Leiter der Delegation empfahl, auf dem Kongreß als „Truppe im Felde“, als „Kampftruppe“ auftreten. (434) In einer später verfaßten Denkschrift zur Verwendung der deutschen Sprache ging Brandi noch weiter. Mit Blick auf die „weiten Gebiete des Ostens“ würdigte er die deutsche Sprache als wichtigstes Instrument „deutscher Möglichkeiten“ (436f.), und die lagen hauptsächlich im Osten. Rückendeckung holte sich Brandi auch bei den führenden Vertretern der deutschen Minderheit in Polen. Über die Teilnehmer, Beiträge und Sprachen des Kongresses in Warschau informieren quantitative Erhebungen, die Reinbothe dem offiziellen Bericht des Internationalen Historikerkomitees entnommen hat (438f.). Man sieht, wie auch der deutsche Gesandte von Moltke bemerkt hat, daß die Einschätzung Brandis eines Gleichgewichts des Deutschen gegenüber dem Französischen reichlich übertrieben war. Immerhin aber war Deutsch die zweithäufigste Sprache auf dem Warschauer Kongreß.

Proteste gegenüber dem deutschen Nationalismus kamen von namhaften englischen Gelehrten. Sie legten eine Protesterklärung vor, die jedoch nicht verlesen wurde, weil man den Kongreß nicht in ein „deutschfeindliches Fahrwasser“ lenken wollte, wie der deutsche Gesandte aus Warschau meldete (439). Der Freiburger Historiker Gerhard Ritter, der spätere erste Biograph Carl Goerdelers, berichtete an das Auswärtige Amt „verächtliche oder feindselige Urteile über den neuen deutschen Staat“. Man habe in Warschau den „Eindruck politischer Isolierung Deutschlands“ gewonnen. (440)

In ihrer Schlußbemerkung schreibt Reinbothe: „Eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Wissenschafts- und Sprachpolitik hat der Boykott in deutschen Gelehrtenkreisen nicht bewirkt. Vielmehr nutzten Nationalisten die Gelegenheit, an den Universitäten gegen die nationale Demütigung Propaganda zu machen.“ (447)

Aber auch die reduktive Entwicklung zur Zweisprachigkeit, auf Französisch und Englisch, erwies sich nur als Zwischenzustand, bis es – einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – zur Vorherrschaft der englischen Sprache in den Wissenschaften kam.

Es ist zu wünschen, daß die Ergebnisse, die Roswitha Reinbothe hier hinsichtlich der Entwicklung der Wissenschaftssprachen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erstmals in dieser Präzision und Detailtreue zu Tage gefördert und politisch analysiert hat, einem breiteren Publikum bekannt werden.

Peter M. Kaiser, Hameln

März 2013

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