Günter Koch: Kausalität, Determinismus und Zufall in der wissenschaftlichen Naturbeschreibung (ERFAHRUNG UND DENKEN. Schriftenreihe zur Förderung der Beziehungen zwischen Philosophie und Einzelwissenschaften, Band 75), Duncker & Humblot, Berlin 1994 (223 S., broschiert, € 44.00)

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die Dissertation des Sozialwissenschaftlers Günter Koch an der Freien Universität Berlin.

Nach einer Einleitung wird in den Kapiteln II und III die Kausalität abgehandelt, während Kapitel IV sich mit „Facetten des Determinismus“ beschäftigt; es folgen V. „Determinismus in der Praxis“, VI. „Der Zufall“, VII. „Ein Drei-Ebenen-Modell des Determinismus“, VIII. „Das deterministische Chaos“ und schließlich IX. „Indeterminismus in der Quantenphysik“.

Um es pauschal vorwegzunehmen: Koch bezieht nirgends, an keiner Stelle, irgendeinen festeren Standpunkt, von dem aus er seine kategorialen Definitionen in irgendein System einordnen könnte; alles Historische und Moderne, was er zum Thema zusammengetragen hat, steht relativ beziehungslos nebeneinander, wird meist nur thesenartig aufgezählt, und alles widerspricht sich gegenseitig. Das hat fatale Folgen: es werden auch alle historisch bedingten Fehlinterpretationen, wenn nicht überhaupt Fehler im Denken, mit referiert, weil nichts gegeneinander abgewogen wird. Koch erklärt dies damit, daß „es bislang keine allgemein akzeptierten Antworten auf diese Fragen“ (11) gibt. Das ist in der Tat so, sind doch die Deutungen der Termini und Begriffe, geschweige denn Kategorien allesamt in höchstem Maße von den jeweiligen Weltanschauungen geprägt. Aber statt alles beziehungslos nebeneinander stehen zu lassen, hätte eine solches Statement auch einmal ausgedrückt werden können.

Speziell beim Begriff Kausalität (Kap. II und III) gelingt es dem Autor nicht, klarzustellen, daß dies ein Prinzip und kein Gesetz ist. Obwohl der Begriff „Kausalitätsprinzip“ auch vorkommt (47, 69, 79, 102, 106, 119, 151, 164), ist mal von diesem die Rede, mal auch im Plural, mal von Kausalitätstheorie, mal einfach von Kausalität. Auch wird nicht klar, daß Kausalität nicht mit mechanischem Determinismus zusammenhängt bzw. gleichgesetzt werden darf, auch wenn dies – scheinbar – wieder und wieder von Laplace hergeleitet wird, und schon gar nicht „ist Determinismus eine Konsequenz des universellen Kausalitätsprinzips“ (69). Das würde das Prinzip überfordern. Kausalität heißt eben nicht, daß „die Vorgänge in der Welt allesamt streng und eindeutig bestimmt sind“ (12). Dann müßte das Gegenteil, Akausalität, ja eine Alternative sein und das ist sie nicht; mit der Annahme, es gäbe akausale Prozesse, begibt man sich auf die Ebene der Wunder und verläßt den Boden der Wissenschaft, was vom Autor im Kapitel VI.6. „Die Folgen echten Zufalls“ selbst expliziert wird: „Der Ursprung des Wunders liegt definitionsgemäß außerhalb des Kausalzusammenhangs der Natur und tritt aufgrund göttlicher Fügung oder totaler Spontaneität auf.“ (116) Aber auch Zufall bedeutet noch keine Akausalität, noch nicht einmal Indeterminismus. Das hindert Koch nicht, den Begriff „akausal“ oder „Akausalität“ durchaus ernsthaft einzuführen und zu erörtern (49, 101, 124, 129, 150), anstatt auszuführen, daß der Begriff entweder einen intrinsischen, nicht auflösbaren Widerspruch enthält oder trivial ist. Trivial wäre er dann, wenn „Akausalität“ hieße, es hat gar keine Reaktion stattgefunden oder wir sind am Zeitpunkt t = 0. Daher reizt eine Begriffskonstruktion wie „kausaler Determinismus“ (14), dem dann ein ganzer Abschnitt im Kap. IV gewidmet und dabei noch in drei Kategorien differenziert wird, in besonderem Maße zum Widerspruch: entweder ist der Begriff redundant bzw. tautologisch oder es ist eine unzulässige Wortkombination, weil beide Wörter, Adjektiv und Substantiv, verschiedenen theoretischen Sphären angehören. Schließlich streikt Koch gegenüber einer Definition von Kausalität, wenn er sagt, es „soll nicht versucht werden, eine voll befriedigende Kausalitätstheorie zu entwickeln“, denn dies sei „bis zum heutigen Tag weder einem einzelnen Autor noch einer philosophischen Theorietradition gelungen.“ Und „der Erfolg … stehe auch nicht in Aussicht.“ (20) Da hätte Koch mal Friedrich Engels lesen sollen! Und dann hätte er es ja mal selbst versuchen können!

Im Kapitel VI.6. „Kausalität und Gesetzlichkeit“ kann man dann jedoch überraschenderweise lesen: „Auch sie [die Kausalität, PMK] läßt noch Raum für Zufall; erst wenn der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung sehr eng ist, wird er ausgeschlossen.“ (83) Dies ist nun erst recht vollkommen falsch, gilt doch Kausalität gerade erst und nur dann, wenn zwei Ereignisse unmittelbar, körperlich, räumlich und zeitlich zusammenhängen.

Genauso unzureichend sind m.E. die allenthalben zu findenden, weil immer wieder abgeschrieben, zudem nicht immer richtig, Definitionen der „schwachen“ und der „starken“ Kausalität, äußerst unglücklich gewählte Termini, da sie sich einem inhaltlich-logischen Verständnis gegenüber resistent zeigen.

‚Schwache Kausalität’ soll heißen: „Gleiche Ursachen haben gleiche Folgen.“ (163)

‚Starke Kausalität’ soll heißen: „Ähnliche Ursachen haben ähnliche Folgen.“ (163)

Es kann hier nicht beurteilt werden, ob, wie Koch behauptet, diese Definitionen von Deker und Thomas stammen (Die Chaos-Theorie, Bild der Wissenschaft Heft 1/1983), die sie wiederum von Hume und Maxwell hergeleitet haben. Auf jeden Fall hätten wir dann schon zwei Kausalitätsprinzipien. Da Koch sich aber damit nun unter dem Oberbegriff „Das deterministische Chaos“ in das Kapitel „Kausalität und Chaos“ stürzt (VIII.3), müßten logischerweise sogar noch zwei weitere Sätze formuliert werden, die sich aus der Chaostheorie, der nicht-linearen Thermodynamik (Prigogine) und im Grunde auch der Relativitätstheorie sowie der Heisenbergschen Unschärferelation ableiten lassen, nach denen man aber bei Koch vergebens sucht:

„Ähnliche Ursachen haben verschiedene Folgen.“ (Divergenz, Schmetterlingseffekt, Magnetpendel, Seltsamer Attraktor)

„Gleiche Ursachen können auch verschiedene Folgen haben.“ (Nicht-Reproduzierbarkeit von Zufallsprozessen und exakten Anfangsbedingungen)

Auch dies ist nicht verwunderlich, dreht es sich doch hier jedesmal um Fragen des Determinismus und in keinster Weise, höchstens indirekt, um Kausalität.

Eine andere, widersprüchliche Wortkonstruktion ist der „absolute Zufall“, den man umgangssprachlich wohl mit „vollkommen willkürlich“ bezeichnen könnte; bei Koch heißt es „vollkommene Unbestimmtheit“ (119), genau diejenige Art Zufall, die Einstein nicht anerkennen wollte, um die es aber auch eigentlich gar nicht gehen kann. Nach den „Folgen echten Zufalls“ kommt das Kapitel VI. 7. „Drei Stufen zum absoluten Zufall“ und man ist nun gespannt, was der Autor dazu zusammenträgt. Allein man wird nicht schlau daraus: Koch entwickelt ein reines Gedankenexperiment, ein „mechanistisches Universum“ mit sieben änderbaren Parametern (119), „rein gedanklich und ohne Rücksicht auf kosmologische bzw. physikalische Plausibilität“ (119 f.). Es soll eine Art Kasten sein, in dem sich in Anlehnung an Newtons Differentialgleichungen ein Massenpunkt durch Raum und Zeit bewegt. Nacheinander spricht er nun einzelnen Parametern zufällige Abfolgen zu und betrachtet die Auswirkungen in diesem System. Zufall 1. Grades soll dann herrschen, „wenn die Folge von Werten eines Parameters zu den Zeitpunkten 0, t1, t2, t3 … eine Zufallsfolge ist.“ Das System verhält sich dann „kapriziös“ (121), was aber noch lange keinen absoluten Zufall bedeute. Jetzt gibt es erst noch den Zufall 2. Grades, der realisiert ist, wenn alle Parameter Werte erhalten, die für die verschiedenen Zeitpunkte Zufallswerte sein sollen. Schließlich wird der Zufall 3. Grades eingeführt, der dann auftritt, wenn gleichzeitig die Wertefolge jedes Parameters eine Zufallsfolge ist und die Folge der geordneten n-Tupel der Zahlen (festgelegte Reihenfolge von Zahlen, wie z.B. bei einem Vektor, nicht-kommutativ) ebenfalls eine Zufallsfolge ist (123). Ein praktisches Beispiel fehlt an dieser Stelle völlig und das Fehlen einer Graphik erschwert das Verständnis; es gibt nämlich auch kein Beispiel, so wie es absoluten Zufall nicht gibt. Koch hat damit immerhin eine gewisse Grundkenntnis der Informatik demonstriert

Ansonsten wird die Chaos-Theorie und -Forschung einigermaßen verfolgbar behandelt, wenngleich auch die Frage des Kapitels VIII. 7. „Ist die Chaos-Theorie deterministisch?“ nicht beantwortet wird. Hier wäre wieder eine Chance für Koch gewesen zu zeigen, daß man im Zeitalter der Quantenmechanik und des dadurch vertieften Verständnisses auch der klassischen Physik sich von dem Gegensatz Determinismus – Indeterminismus ein für alle Mal verabschieden muß; ob man mit Hegel oder auch Engels und Marx einen dialektischen Determinismus einführt oder – von der Einzelwissenschaft Physik her kommend – eine Art probabilistische Theorie des Determinismus entwickelt, das sei dahingestellt und jedem selbst überlassen. Daß aber die Quantenmechanik qua ihrer „statistische(n) Struktur“ und als „probabilistische[] Naturbeschreibung“ zu einer „indeterministischen Sicht der Natur“ (180) führe, das kann man so ohne weiteres schon gar nicht behaupten. Erstens ist die Struktur der Quantenmechanik nicht einfach nur „statistisch“ (das ist die gesamte klassische Physik und die Thermodynamik auch), sondern beruht wesentlich auf Wahrscheinlichkeitsaussagen bzw. Wahrscheinlichkeits(dichte)funktionen wie den Schrödingerschen Wellengleichungen, und zweitens herrscht ja gar kein Indeterminismus. Das hieße, gar nichts ist vorherzusagen oder vorherzuberechnen und das stimmt offensichtlich nicht. Selbst das Wetter, ein Paradebeispiel der Chaosforschung, kann vorhergesagt werden, wenn auch nur für wenige Tage. Natürlich nicht präzise, aber im großem und ganzen innerhalb eines relativ engen Möglichkeitsfeldes und mit für praktische Zwecke ausreichender Wahrscheinlichkeit. (Der Zusammenhang mit der Praxis kommt bei Koch erstaunlicherweise überhaupt nicht vor). Daher auch der Ausdruck „deterministisches Chaos“, wie das Kapitel VIII. ganz richtig heißt. Daß eine solche „Voraussage von zukünftigen Entwicklungen wenig dienlich ist“ und „Vorhersagen auch in aller Zukunft nicht möglich sein“ werden (178), zeugt von einem tiefen Pessimismus und jeder Physiker wird dies zurückweisen wollen. Würden die Elementarteilchenphysiker sich zu einem solchen Pessimismus hinreißen lassen, dann bräuchte man auch nicht exorbitante finanzielle Mittel aufzuwenden, um den Large Hadron Collider (LHC) am CERN in Genf zu bauen, der erst im nächsten Jahr fertig werden soll, nachdem es kürzlich gebrannt hatte, und von dem man sich ja verspricht, das Higgs-Boson zu entdecken, das für die Masse verantwortliche Teilchen, und andere Antworten auf bisher ungelöste Fragen zu finden. Jedenfalls läßt sich zur Zeit kein Physiker von derartigen Gedanken eines Philosophen von seiner Arbeit abhalten. Und Herr Kachelmann wird auch nicht auf die Wettervorhersage verzichten.

In der Tat ist es jedoch so: „Die Quantenmechanik darf getrost als der Totengräber des deterministischen Weltbildes betrachtet werden…“ (180) Endlich mal ein klarer Satz mit einer eindeutigen und sogar korrekten Aussage! Das ist es, das mechanisch-deterministische Weltbild wurde endgültig zum Einsturz gebracht, nicht Teile der Physik, noch nicht einmal deterministische Theorien und Gesetze. Newtons sowie Maxwells Gesetze gelten nach wie vor, nur wurde klarer als je zuvor, daß sie ausschließlich in ihrem Objektbereich gelten, nicht in der Quantenwelt.

Der „Indeterminismus in der Quantenphysik“, wie das Kapitel IX überschrieben ist, zeigt dann wieder ein Hin- und Herschwanken Kochs zwischen Determinismus und Indeterminismus, als ob es nur diese beiden Extreme gäbe; beim Gang durch die Gebiete „Kopenhagener Interpretation“ der Quantenmechanik, den „klassischen Realismus“, das „Lokalitätsprinzip“ oder die „neorealistische Interpretation“ sowie den „pseudopositivistischen Fehlschluß“ werden wieder – offensichtlich ein probates Mittel, sich nicht festlegen zu müssen – möglichst alle Autoren, Physiker wie Philosophen, mit ihren Ideen angeführt. Dabei kommt jede noch so unsinnige Idee zu Wort wie z.B., Nicht-Lokalität bedeute, ein Elektron oder auch Photon auf der Erde könne ebenso gut gerade vorher auf dem Mond oder – noch besser – am Rande des Universums gewesen sein (203). Wie soll das denn zur konstant-endlichen Lichtgeschwindigkeit passen? Absolut mißverstanden wird schon in einem früheren Kapitel der Tunneleffekt von Elementarteilchen (111, Anm. 10), aber das könnte einem Sozialwissenschaftler noch nachgesehen werden.

Das letzte Kapitel („Der pseudopositivistische Fehlschluß“) wäre nun die Gelegenheit, den im Grunde beendeten Positivismusstreit hier kurz zu skizzieren und die Niederlage des Positivismus zu rekapitulieren; aber das will Koch gar nicht, im Gegenteil, er meint, mit „einem konsequenten Positivismus dagegen ist das Ergebnis unserer Analyse durchaus kompatibel“ (210). Und er wiederholt: „die ontologische Lösung des Determinismus-Problems [liegt] außerhalb aller Möglichkeiten“ (211). Da dieses Argument aber nicht die Forderung impliziere, man „solle am besten überhaupt keine Weltanschauung oder Metaphysik haben“, offenbart Günter Koch in diesem vorletzten Absatz seines Buches jetzt endlich, welcher Weltanschauung er am ehesten zuneigt: „Im Gegenteil scheint mir metaphysische Orientierung eine gute Grundlage und starke Triebfeder für Erkenntnistätigkeit zu sein.“ (211) Herzlichen Glückwunsch!

Bleibt formal noch zu bemerken, daß das Buch nicht sehr sorgfältig Korrektur gelesen worden ist, es enthält eine Reihe von Druckfehlern und die Interpunktion läßt zu wünschen übrig. Die Zitierweise ist umständlich, in den Fußnoten wird jedesmal eine bereits vorher zitierte Schrift komplett nochmals aufgeführt. Das Lesen wird durch all dies nicht erleichtert, ist es doch schon aufgrund des verschrobenen Stils und der vielen inhaltlichen Widersprüche nicht ganz einfach zu verstehen, worauf der Autor eigentlich hinaus will.

März 2008

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